Dokumentation: Tomatis-Therapie

Interview mit Dr. med. Jürgen Zastrow*
 

Die Zahl der  Therapieangebote für behinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder ist groß. Es ist nicht immer einfach herauszufinden, welche Therapie für welche Behinderungsform geeignet ist und wie viel Therapie nötig und sinnvoll ist. Häufig sind Eltern verunsichert: Einerseits wollen sie ihrem Kind die bestmögliche Förderung zukommen lassen, andererseits möchten sie das Kind und auch den Rest der Familie nicht überfordern. Eine ausführliche Übersicht über die gängigen Therapiemethoden finden Sie in dem Magazin „Unser Kind“, herausgegeben von der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Sie können das Magazin bei der Bundesvereinigung bestellen oder in unserer Geschäftsstelle einsehen und gegebenenfalls kaufen (5 Euro).

' Dankenswerterweise stellte uns die Lebenshilfe Köln diesen Beitrag zur Verfügung. Das Interview erschien im Lebenshilfe-Magazin "Kontakte".

Wir stellen in diesem Magazin* die weniger bekannte TOMATIS-Therapie vor, mit der einige Familien aus unserer Mitgliedschaft gute Erfahrungen gemacht haben. Die TOMATIS-Therapie ist in Fachkreisen·anerkannt, eignet sich aber nicht für jede Behinderungsform und soll keine allgemeine Empfehlung darstellen. Dr. med. Jürgen Zastrow, in Köln niedergelassener HNO Arzt, beantwortet unsere Fragen zur Therapie.

 
Herr Dr. Zastrow, wie kamen Sie zur Tomatis-Therapie?
Von meinen 3 Kindern kam eines mit einem Handikap zur Welt. Wir sind leider erst nach 10 Jahren auf diese Therapie aufmerksam geworden Als wissenschaftlich ausgebildeter Mediziner habe ich das Verfahren kritisch gesehen. Die Erfolge nicht nur bei meinem Sohn, sondern inzwischen auch bei vielen anderen unserer Patienten haben mich umdenken lassen. Das Problem bei diesem Verfahren liegt in der früher schlechten wissenschaftlichen Studienlage. Das Verfahren ist heute jedoch wesentlich besser belegt. Auch wurde es von einigen wirtschaftlich missbraucht. Deswegen ist die Auswahl der Therapeuten wichtig.
 
Was ist die Tomatis-Therapie?
Der 1920 in Nizza geborene HNO-Arzt Dr. Alfred A. Tomatis erforschte Wechselbeziehungen zwischen Hören, Stimmbildung und psychischer Verarbeitung. Daraus entstand ein Wissenschaftszweig, die Audio-Psycho-Phonologie (A.P.P.) und die auf diesen Grundlagen aufbauende Hörtherapie. Sehr stark vereinfacht könnte gesagt werden, dass sich APP mit der psychovegetativen Wirkung der Wahrnehmung Hören beschäftigt.
 
Was bewirkt sie?
Im Gehirn ist die Hörrinde mit wesentlichen Hirnzentren verbunden: Wahrnehmung aller Sinne, Emotion, Gedächtnis, Verhaltensorganisation und Bewegungszentren. Die Hörfunktionen, aber auch Fehlleistungen der Hörbahn werden therapiert. Durch diese Therapie können auch psychosomatisch schwierige Verhaltensmuster sowie Störungen im Unterbewusstsein aufgelöst werden.
 
Wo wird sie angeboten und welchen zeitlichen Einsatz erfordert sie?
Eine Reihe von Therapeuten bieten, zum Teil aus wirtschaftlichen Gründen, Tomatis-Therapie an. Das größte Zentrum in Europa liegt in Belgien 80 km von Aachen entfernt (VZW Atlantis). Hier leitet Jozef Vervoort, der noch über 10 Jahre mit dem 2000 verstorbenen Tomatis gearbeitet hatte, ein Zentrum mit 170 Therapieplätzen und über 50 Mitarbeitern.
Basierend auf psychologischem Hörtest, Anamnese und dem Problem des Patienten wird ein jeweils individuelles Hörtherapieprogramm erstellt. Üblicherweise wird mit einer Grundeinheit von 12 Tagen täglich 4,5 Stunden Hörtherapie begonnen. Dabei hören Kinder und Erwachsene elektronisch veränderte Klänge (z.B. die Mutterstimme). Nach einer 4 - 6 wöchigen Pause folgen anschließend mindestens zwei weitere Hörabschnitte von je 5 Tagen.
 
Für wen ist die Therapie geeignet?
Menschen mit Verhaltensstörungen (ADS, Autismus, Down-Syndrom etc.) und Entwicklungsstörungen (zum Beispiel Hören, Sprechen und Lernen), aber auch motorischen Störungen (Sprechen, Singen, Gleichgewicht etc.).Viele Künstler, Sportler und Manager nutzen die Therapie zur Optimierung ihrer Fähigkeiten.
 
Wo kann man sich genauer über die Tomatis-Therapie informieren?
Homepage: http://www.koeln-hno.de/leistungsspektrum/tomatistherapie/index_ger.html
Mail: info@koeln-hno.de. Telefon: 0221-355599-0
Vortrag: 05.09.2013, 20:00, Sedanstr.8, 50668 Köln, Kosten 5,00 €
Untersuchung: 25.05., 06.07., 07.09.,12.10., 09.11.,07.12.
Mail: info@atlantis-vzw.com. Telefon: 0032-11-702800
 
Wer übernimmt die Kosten?
Die 1. Untersuchung kostet bei uns 60 € und beinhaltet einen speziellen HNO-Check, einen Horchtest sowie die Analyse durch Jozef Vervoort. Die 12 tägige Behandlung kostet 820 € zuzüglich Unterkunft (Zimmerpreis bis 70 €). Die gesetzliche Krankenversicherung erstattet nichts und die private Krankenversicherung auf Antrag gegebenenfalls Therapiekosten, aber keine Kosten für Reise und Unterkunft.
Somit ist die Therapie kein Discountprodukt, richtet sich aber auch nicht an den Konsumbereich: vielmehr wendet sie sich an Menschen mit entsprechenden Problemen. Vergleicht man hier die Kosten mit anderen Therapien, erscheinen sie eher günstig.